06 Mar 26

Women’s Day

von Hannah Pöhlmann

Anlässlich des Weltfrauentags am 8. März habe ich meinen Kolleg:innen die Frage gestellt:
„Wer kommt dir in den Sinn, wenn du an Feminismus denkst, und warum?“

Die Antworten fielen sehr unterschiedlich aus, niemand wurde doppelt genannt, und ich konnte neue Denkanstöße aus der Umfrage mitnehmen.

Johanna: Ich denke als erstes an Gisela Notz, eine Historikerin und Sozialwissenschaftlerin aus Berlin, die seit über 60 Jahren für die sexuelle Selbstbestimmung von Frauen kämpft und sich schon so lange gegen den Paragrafen 218 einsetzt, dass es mich immer wieder sehr rührt. Außerdem ist sie nicht so Zweite-Welle-mäßig hängen geblieben – zumindest nicht so stark wie andere. Sitzt ewig schon in Bündnissen, spricht seit Jahrzehnten auf den Demos des Frauenkampftags und ist einfach total niedlich und cool.

Sandra: Neulich beim Durchblättern eines Buches mit meinem Sohn kam mir Marie Curie wieder in den Sinn (aus der Reihe Little People, BIG DREAMS – sehr empfehlenswert). Eine der großen Feministinnen – ganz ohne große Worte, aber mit radikaler Selbstverständlichkeit. Sie hat Gleichberechtigung nicht gefordert, sondern gelebt und damit nachfolgenden Generationen Türen geöffnet. Als erste Frau mit einem Nobelpreis (und bis heute die einzige mit zweien in unterschiedlichen Wissenschaften) hat sie gezeigt, was möglich ist.

Andreas: Gertrude Stein, wegen ihres Mutes und ihrer radikalen Unabhängigkeit. Außerdem, wer sonst hätte sich getraut, Hemingway zu sagen, als er um ihre Meinung zu dem Manuskript von In einem anderen Land bat: „Begin again, Ernest. And this time, concentrate.“
Harry Crews, der in seinen Büchern böse, ätzend und genüsslich das Groteske der Maskulinität beschreibt. (Empfehlenswert ist auch die nach ihm benannte Band – bestehend aus Lydia Lunch, Kim Gordon und Sadie Mae – die ganz ähnlich klingt, wie er schreibt.)

Lena: Ich denke dieses Jahr an Gisèle Pelicot, vor allem wegen ihres außergewöhnlichen Mutes, öffentlich über die organisierte sexualisierte Gewalt zu sprechen, die ihr über lange Zeit angetan wurde. Mit ihrem Satz „Die Scham muss die Seite wechseln“ hat sie deutlich gemacht, dass nicht Betroffene, sondern Täter Verantwortung und gesellschaftliche Ächtung tragen müssen. Ihr Auftreten ist damit auch ein starkes Zeichen für konsequenten Gewaltschutz, Solidarität und strukturelle Veränderungen im Umgang mit Gewalt.

Tilmann: Neben bekannten Feministinnen, die in der Öffentlichkeit als solche auftreten, kommen mir Personen – mehrheitlich Frauen – in den Sinn, deren Bereitschaft, im Privaten oder in Alltagssituationen Dinge anzusprechen, mir im Gedächtnis geblieben ist. Die sich geäußert haben, wenn anderen Frauen zu Unrecht Kompetenz abgesprochen wurde, die auf Doppelstandards hingewiesen haben, die mir vielleicht nicht aufgefallen wären, oder die sexistische Aussagen nicht unwidersprochen stehengelassen haben.

Ich selbst hatte etwas mehr Zeit zum Nachdenken, was dazu führte, dass ich meine Gedanken schweifen ließ und an alle möglichen Feminist:innen bzw. Personen, die ich mit Feminismus verbinde, dachte: Malala Yousafzai, Ruth Bader Ginsburg, Alice Walker, Audre Lorde, Amrita Sher-Gil, Simone de Beauvoir, Joan Didion, Arundhati Roy, Lil Kim, Greta Thunberg, um einige aufzuzählen.

Mein erster Impuls war aber, die folgenden Heldinnen zu nennen: Patti Smith, die sich selbst von der Bezeichnung Feministin oder sogar „female artist“ distanziert, wahrscheinlich um nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Und Sara Hebe – auch wenn ich nie in Argentinien war und auch nicht alles verstehe, was sie singt, bin ich einfach unglaublich beeindruckt davon, wie schnell sie Anliegen aus Protestbewegungen in den Mainstream überführt und ihre Plattform dafür nutzt.

Es liegt noch so viel vor uns, so viel Umdenken, Verständnis und Gesetzesänderungen, die in die Köpfe, auf die Straßen und in die Parlamente getragen werden müssen, dennoch freut es mich, dass in meinem kleinen Team bei Planet Neun spontan an so viele wichtige Personen gedacht wurde.

Illustration mit Portraits von Gisela Notz, Marie Curie, Gertrude Stein, Gisèle Pelicot und Audre Lorde